Das Inliner-Verfahren gehört zu den am häufigsten eingesetzten grabenlosen Techniken zur Sanierung defekter Abwasserrohre – ganz ohne aufwendige Erdarbeiten, ohne aufgebrochene Einfahrt oder verwühlten Garten. Wer nach einer Kanaluntersuchung oder einem TV-Bericht erstmals von diesem Begriff hört, hat erfahrungsgemäß viele offene Fragen. Dieser Ratgeber erklärt, wie das Verfahren aus technischer Sicht funktioniert, bei welchen Schadensbildern es eingesetzt werden kann und welche Arbeitsschritte zwischen der ersten Diagnose und dem fertig sanierten Rohr liegen. Am Ende finden Sie eine Übersicht der häufigsten Fehlerquellen.
Was versteht man unter dem Inliner-Verfahren?
Beim Inliner-Verfahren – geläufig auch als Schlauchlining oder Relining bezeichnet – wird ein mit Kunstharz getränkter Gewebeschlauch in das schadhaft gewordene Rohr eingebracht. Dort wird er mit Druck aufgeblasen, legt sich vollflächig an die vorhandene Rohrwandung an und härtet anschließend aus. Das Ergebnis ist ein neues Rohr innerhalb des alten: glatt, nahtlos und chemisch beständig.
Die Technologie hat ihre Wurzeln im Kanalbau der 1970er-Jahre und ist heute sowohl im Haushalts- als auch im Gewerbebereich weit verbreitet. Typische Anwendungsfelder sind Grundleitungen unter Gebäuden und Hausanschlüsse an den öffentlichen Kanal.
Das Inliner-Verfahren auf einen Blick
Welche Schadensbilder rechtfertigen den Einsatz des Inliner-Verfahrens?
- Risse und Längsrisse in der Rohrwandung
- Undichte Muffen und Verbindungsstellen
- Eingewachsene Wurzeln, die noch keinen vollständigen Kollaps verursacht haben
- Korrosion und Abrieb bei alten Steinzeugrohren
- Lageabweichungen (leichte Versätze an Muffen)
- Poröse Betonrohre mit Wassereinbruch
Wie läuft das Inliner-Verfahren Schritt für Schritt ab?
Der Ablauf folgt einer festgelegten Reihenfolge. Jeder Arbeitsschritt setzt auf dem vorherigen auf – Fehler in frühen Phasen lassen sich später kaum noch beheben.
Ablauf der Rohrsanierung mit Inliner
- Kanal-TV-UntersuchungEine Kamera wird durch das Rohr gefahren und dokumentiert Lage, Durchmesser, Art und Ausmaß des Schadens. Das Videomaterial bildet die Planungsgrundlage für Materialauswahl und Verfahrensentscheidung – und liefert Ihnen den Beleg für das tatsächlich vorliegende Schadensbild.
- HochdruckreinigungDas Rohr wird mit Hochdruckwasser von Ablagerungen und Mörtelresten befreit. Nur auf einer sauberen, haftfähigen Oberfläche bindet das Kunstharz dauerhaft und zuverlässig.
- Liner einziehen oder einpressenDer mit Harz getränkte Gewebeschlauch wird – abhängig vom gewählten Verfahren (Inversion oder Pull-in) – mittels Druckluft oder Wasserdruck in das Rohr eingeführt und aufgeblasen, bis er vollflächig anliegt. Der Fachbetrieb trifft die Verfahrenswahl anhand von Rohrdurchmesser, Bögen und Leitungslänge.
- Aushärten mittels UV-Licht oder DampfModernes Lining setzt auf UV-Licht oder Heißdampf zur Aushärtung. UV-Verfahren sind in vielen Fällen schneller: Ein handelsüblicher Hausanschluss-Abschnitt kann innerhalb weniger Stunden vollständig ausgehärtet sein. Die genaue Dauer hängt von Wandstärke und verwendetem Harzsystem ab.
- Anschlüsse öffnen und AbnahmeEinmündende Hausanschlüsse, die beim Lining überlaminiert wurden, werden durch einen ferngesteuerten Fräsroboter wieder präzise geöffnet. Anschließend folgt eine abschließende Kamerafahrt – das Protokoll belegt die Sanierungsqualität und dient als Nachweis gegenüber Versicherungen oder Behörden.
Wann lohnt sich das Inliner-Verfahren – und wann die offene Bauweise?
Das grabenlose Verfahren ist in den meisten Fällen die schonendere Lösung – aber nicht in jeder Situation die einzig sinnvolle. Die folgende Übersicht zeigt, wann welche Methode die bessere Wahl ist.
Inliner-Verfahren vs. offene Bauweise
Inliner-Verfahren (grabenlos)
- Keine Erdarbeiten, kein Aufbruch von Pflaster oder Estrich
- Kurze Bauzeit, oft ein Arbeitstag
- Geringer Lärm und wenig Schmutz
- Nahtloses Innenrohr ohne Muffen
- Lange Nutzungsdauer des Liners
Offene Bauweise (Graben)
- Notwendig bei vollständigem Rohrversagen
- Erlaubt komplette Lagekorrekturen
- Sinnvoll, wenn ohnehin Garten oder Pflaster saniert wird
- Höherer Aufwand bei tief liegenden Leitungen
- Zugang für Sichtprüfung ohne Kamera möglich
Was verbleibt dauerhaft im Rohr – Material und Haltbarkeit im Überblick
Der fertige Liner setzt sich aus einem glasfaser- oder filzbasierten Trägergewebe zusammen, das mit duroplastischem Kunstharz – typischerweise auf Epoxid- oder Vinylesterbasis – durchtränkt wird. Einen vollständigen Überblick über gängige Harzsysteme bietet die nachfolgende Tabelle. Nach dem Aushärten entsteht ein stabiles, glattes Innenrohr, das chemisch beständig gegenüber Abwasser und Reinigungsmitteln ist.
Die Wandstärke des Liners wird in Abhängigkeit von Rohrdurchmesser, Außendruck und Schadensklasse berechnet – hierfür existieren entsprechende DIN-Normen (z. B. DIN EN ISO 11296-4 für Schlauchrelining). Die von Herstellern und Fachverbänden angegebenen Nutzungsdauern liegen bei 50 Jahren und mehr – vorausgesetzt, die Verarbeitung erfolgt fachgerecht.
Typische Liner-Materialien im Vergleich
| Harzsystem | Typischer Einsatz | Aushärtemethode |
|---|---|---|
| Epoxidharz | Trinkwasser- und Abwasserleitungen | UV-Licht oder Dampf |
| Polyesterharz | Abwasser, Regenwasser | Dampf, Wasser oder UV |
| Vinylesterharz | Chemisch belastete Abwässer (Gewerbe) | UV oder Dampf |
Stand 2026 – Materialwahl liegt immer beim ausführenden Fachbetrieb
Welche Fehler passieren häufig – und was können sie kosten?
- Fehler: Sanierung ohne vorherige Reinigung – Harz haftet nicht sauber auf Ablagerungen
- Fehler: Liner mit zu geringer Wandstärke gewählt – reicht bei erhöhtem Außendruck nicht
- Fehler: Einmündende Anschlüsse nicht vollständig freigefräst – führt zu Rückstau
- Fehler: Kein Abnahmeprotokoll erstellt – Mängel lassen sich später nicht belegen
- Fehler: Lining über vollständig kollabiertes Rohr versucht – Liner kann nicht haften






